Dienstag, 12. Juni 2007

Storchenästhetik



Große Flügel und große Sprünge



Die Entwicklung der Federn beim Nachwuchs auf dem Dach der Storchenscheune ist fast abgeschlossen. Immer öfters sieht man den Nachwuchs beim Stärken der Muskulatur, die Flügel werden ausgebreitet und kräftig geschwungen und immer mehr kommen auch Sprungversuche dazu.


Klickbild: wer irgendwann fliegen will, der muß zuerst große Sprünge machen. Die Pfeile zeigen, dass die großen Handschwingen an ihrer Basis allerdings noch teilweise in ihrer hohlstabartigen Umhüllung stecken, das Wachstum ist noch nicht abgeschlossen. In Kürze dürfte dann die Entwicklung weitgehend fertig sein und die heiße Phase des Flugtrainings geht los. Innerhalb der nächsten drei Wochen dürfte mit ziemlicher Sicherheit der erste kleine Flug stattfinden, wenn alles glatt geht...

Wir drücken die Daumen für alle Jungstörche!

Montag, 11. Juni 2007

Fremder Storch attackiert Jungstörche

Heute wurden die Jungstörche auf dem Dach der evangelischen Kirche Bornheim zwischen 10.50 Uhr und 10.59 Uhr von einem Fremdstorch attackiert. Mindestens eines der Jungen hat deutliche Verletzungen im Kopfbereich davongetragen. Beide Elternteile waren zur Zeit des Angriffs auf Nahrungssuche.

Bilddokumentation:

Klickbild oben: fremder Storch taucht gegen 10.50 Uhr am Nest auf. Deutlich zu erkennen: er trägt oben links am Bein einen ELSA-Ring.

Auf den folgenden Bildern ist zu sehen, wie der Eindringling die Jungstörche malträtiert, die Attacken müssen heftig gewesen sein. Auf den Bilder ist zu erahnen, dass es am Anfang teilweise noch Widerstand der Jungen gegeben hat, sie fallen aber nach kurzer Zeit in Akinese.

+++++++++++++
Stichwort Akinese:
(griechisch: α- nicht, κινείν bewegen; synonym Akinesie oder Akinesia).

Bei einer Störung am Nest stellen sich die Jungstörche tot und werden vollkommen bewegungsunfähig. Jede Flucht aus dem Nest würde in diesem Alter entweder mit schweren Verletzungen oder gar dem Tod enden. Man nennt diesen Zustand der Bewegungslosigkeit Akinese.
+++++++++++++




Die Szene verdeutlicht sehr eindringlich, dass die Akinese der Jungstörche auch für den Fall angreifender Artgenossen von Vorteil ist: in ihrer Altersstufe wäre jeglicher dauerhafter Widerstand gegen einen Aggressor zum Scheitern verurteilt! Gegen die kraftvollen Schnabelhiebe eines erwachsenen Storchs sind sie vollkommen chancenlos, der Versuch der Gegenwehr könnte tödlich enden.

Nach unseren internen Archivbildern blieben die Jungstörche nach dem Abflug des Angreifers ca. 13 Minuten in Akinese.

Bemerkenswerte Vergleichszahlen: nach ihrer Beringung am 26. Mai blieben diese Jungstörche ca. 14 Minuten in Akinese, der Nachwuchs vom Nest auf der Storchenscheune für ca. 20 Minuten!






Klickbild oben: nach dem Angriff verharren die Jungstörche 13 Minuten in vollkommener Bewegungsstarre.

Klickbild oben: Pfeile kennzeichnen die beidseitigen Verletzungen im Kopfbereich eines der Jungstörche. Sie waren vor dem Angriff eindeutig noch nicht vorhanden.


Klickbild: eventuell auch am Flügel eine Verletzung?


Klickbild oben: einer der Altstörche verteidigt einige Stunden später die Jungen gegen einen überfliegenden Fremdstorch (event. der Angreifer vom Morgen?)


Zuschauerfrage: ist so ein Angriff "normal"?
Man kann darauf vielleicht so antworten: eine Attacke gegen Jungstörche dieser Altersstufe ist zwar glücklicherweise selten, aber nicht generell auszuschließen. Äußerst interessant wäre zu wissen, wer dieser Storch war. Die Ringnummer kann mit der Kamera aus dieser Entfernung leider nicht abgelesen werden. Mit recht hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich hier wohl um einen Nichtbrüter. Für die nächste Zeit kann ein weiterer Angriff nicht ausgeschlossen werden, auch bei den anderen Nestern.


Risikoabschätzung
Die Brutstörche haben zwischen zwei Optionen zu "entscheiden": gehen beide Partner auf die Futtersuche, so ist die Nahrungsversorgung der Jungen maximal. Bleibt jeweils ein Partner am Nest, so ist zwar immer eine Verteidigungsmöglichkeit gegeben, der Nachwuchs kann aber nur mit der Hälfte der Nahrungsmenge versorgt werden.

Allerdings gibt es zwischen beiden Optionen auch fließende Übergänge, wie man an den Kameranestern sehen kann. Auf der Basis der Kamera-Archivbildern der verg. Jahre kann man einen Trend erkennen: die Jungstörche werden offensichtlich bevorzugt in den späten Abendstunden zum ersten Mal alleine gelassen. Über die Ursache kann man nur spekulieren. Ob das Angriffsrisiko in dieser Zeit signifikant niedriger ist als zu anderen Tageszeiten könnte nur eine gründliche Verhaltensstudie belegen...

Samstag, 9. Juni 2007

Flügelkunst



Klickbilder

Abendliche Jagd...

Im Hintergrund rauscht Wehr Nr. 5, es ist schon tief dämmrig. Gegen 21.55 Uhr fliegt der Altstorch aus dem Norden an. Im Spektiv ist gut zu erkennen, wie sein Partner auf dem Nest unruhig wird. Aber anstatt auf's Nest zu fliegen, zieht er ca. 100 Meter westlich vorbei, über den Speyerbach und landet auf Geinsheimer Gemarkung. Ich schnappe mir Stativ und Spektiv, laufe zum Wehr zurück, dann über die Brücke und ... sehe den Storch kurz darauf auf der Jagd nach Junikäfer (Rhizotrogus marginipes), die seit 30 Minuten überall aus den Wiesen krabbeln.

Selbst im letzten Tageslicht wird noch Futter für den Nachwuchs gesammelt. Teilweise verschwindet Meister Adebar hinter weißen Blüten (vielleicht Tanacetum parthenium, falsche Kamille?) am Rand einer Ackerbrache, ein paar schnelle lange Schritte - schnappen, schlucken und weiter geht die Jagd. Wertvolle Proteine für den immer hungrigen Nachwuchs.
Tolle Farben: weiße Blüten, dunkle Augen, roter Schnabel, weißer Kopf. Unterbrochen wird die Futtersuche immer wieder von Beobachtungsphasen: vollkommen still stehen, mit ganzer Aufmerksamkeit mehrere Sekunden in eine bestimmte Richtung schauen. Dann eine Kopfdrehung -- war dort gerade was? Dann plötzlich Vollgas, die langen Beine gehen zackzack, Schnabel weit vorgestreckt um genau diesen fetten Käfer noch zu schnappen, bevor er in die anbrechende Nacht fliegt.

Gegen 22.15 Uhr ist die Jagd zu Ende, der Storch hebt ab, fliegt über die Baumreihe am Bach und ist wenige Sekunden später auf dem Nest. Gemeinsames Geklapper. Kurz darauf die letzte Fütterung des Tages, ich sehe die zwei kleinen Wackelköpfe gierig die Beute verschlingen. In der Dämmerung sieht die Szene aus wie ein schwarz-weißer Scherenschnitt, den Hintergrund bildet ein wolkenloser, dunkelblauer Horizont.


Ort: Historisches Wiesenbewässerungswehr Nr. 5 am Speyerbach (Hirtenweg), NSG Lochbusch-Königswiesen

Nestszene


Klickbild: Was es da wohl zu sehen gibt?

Alles OK!





In den beiden Bornheimer Webcamnestern (Kirche + Storchenscheune) und im (nur intern verfügbaren) Kameranest am Sportplatz wächst und gedeiht bislang alles in wunderbarer Harmonie. Fast zu schön um wahr zu sein...

Im Nest an der Zeiskamer Mühle sind zwei Jungstörche an Deck. Auf diesem Bild ist eine Fütterung zu sehen, der zweite Altstorch startet zur Futtersuche in die Wiesen:

Diese aktuelle Aufnahme vom Nest an der Zeiskamer Mühle stammt von Norbert Gladrow aus Mannheim. Herzlichen Dank!

Sonntag, 3. Juni 2007

Weißstorchforschung und Weißstorchschutz: Auszeichnung für Dr. Michael Fangrath

Der Bezirksverband Pfalz vergibt 2007 einen Anerkennungspreis für besonderen Einsatz im Umweltschutz an Herrn Michael Fangrath. Die Auszeichnung findet am Montag, 25. Juni 2007, 14 Uhr im großen Festsaal des Hambacher Schlosses statt, die Preisverleihung nimmt Bezirkstagsvorsitzenden Theo Wieder vor.

Einsatz für Wässerwiesen
Der promovierte Biologe Fangrath aus Ottersheim bemüht sich seit neun Jahren um die Reaktivierung der Wässerwiesen und die Erforschung ihrer ökologischen Bedeutung (Untersuchungen zur Nahrungsökologie etc.).
Er arbeitet u.a. mit Landwirtschaft, Kommunen, Aktion PfalzStorch, Landespflegeverband Südpfalz sowie NABU und dem Naturschutzverband Südpfalz zusammen. Die Wiesenbewässerung stellt nicht nur eine erhebliche Förderung der Lebensgrundlagen des Weißstorchs dar (deutliche Steigerung der Nachwuchszahlen!), sondern sie fördert auch seltene Fischarten wie z.B. den Schlammpeitzger (der vor allem von der Reaktivierung der Grabensysteme profitiert), Amphibien, Libellen etc. .


Klickbild: M. Fangrath erklärt Exkursionsteilnehmern die Funktionsweise der Wiesenbewässerung

Ein zweites Schwerpunktgebiet seiner wissenschaftlichen Arbeit waren Untersuchungen, die sich intensiv mit Stromtod an Mittelspannungsmasten sowie Kollisionstod an Hochspannungsleitungen beschäftigten:


1. Vermeidung von Elektrotod an Mittelspannungsmasten
Er kartierte auf 40 qkm im Einzugsbereich der Queichwiesen die Mittelspannungsmasten und kategorisierte sie im Hinblick ihren Nachrüstbedarf (Bundesnaturschutzgesetz § 53)

2. Anflugsanalysen am Mast

Herr Fangrath analysierte per Foto und Video die Anflugsphase von Weißstörchen an gefährlichen Masten und trug damit zum besseren Verständnis von künftigen Vermeidungsstrategien bei. Mastkonstruktion, Weißstorch-Flügelgeometrie und die Beinhaltung während der Landung müssen ganzheitlich betrachtet werden.

3. Vermeidung von Kollisionstod an Hochspannungsleitungen

Hier wurden über fast 5 Jahre videogestützte Durchflugsanalysen vor allem im Bereich der 110kV-Trasse der Offenbacher Niederwiesen vorgenommen. Basierend auf seinen Analysen kam es durch die gleichzeitige Kooperationsbereitschaft der Pfalzwerke AG zu einer großen Markierungskampagne auf 1.4 Kilometer Länge und sämtlichen StromLeiterbahnen sowie dem oberen Null-Leiter. Hier wurde technisches Neuland beschritten: weder in Deutschland noch in Europa wurde jemals ein Hochspannungstrassenabschnitt so konsequent im Hinblick auf Kollisionsschutz umgerüstet. Insgesamt wurden in diesem Pilotprojekt fast 1000 große Markierungskörper montiert. Wir haben mehrfach im Nest-Telegramm über die Markierungsaktion berichtet.

Seine Initiativen sind auch für den Schutz anderer seltener Vogelarten bedeutsam (Kollisionstod: Enten, Gänse etc., Stromtod: Greifvögel, Eulen etc.)


Klickbild: M. Fangrath bei Ringablesung und Verhaltensbeobachtung